Die Causa Adam Szalai hat die Welt von Mainz 05 erschüttert. Die Profis haben ein Statement gesetzt, Trainer Achim Beierlorzer hat so keine Zukunft mehr beim FSV.

Wenn Sportvorstand Rouven Schröder sich zu Beginn einer Pressekonferenz rund neun Minuten Zeit nimmt und über eine Situation referiert, dann ist vor einem ganz normalen Bundesligaspieltag etwas Denkwürdiges passiert.

Statt sich erstmals wieder über rund 3.000 Fans gegen den VfB Stuttgart zu freuen, stand nur ein Thema im Mittelpunkt: Der Spielerstreik! Am Mittwochnachmittag haben sich die Spieler des FSV Mainz 05 mit ihrem suspendierten Mitspieler Adam Szalai solidarisiert und sind nicht auf den Trainingsplatz gegangen.

"Für uns alle, die Fußball lieben und leben, ist eine Sache passiert, die sehr unangenehm ist. Auch nach einer Nacht ist uns bewusst geworden, dass es eine einzigartige Situation ist", gab Schröder offen zu.

Beierlorzer ist endgültig angezählt

Eine schnelle Rückkehr in den Alltag wird es bei den Rheinhessen nicht geben können, auch ein Gespräch mit dem Mannschaftsrat kann die entstandenen Risse nicht auf Anhieb kitten. Tollhaus statt Wagenburgmentalität in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz.

Dazu passt die Meldung vom frühen Donnerstagabend. Szalai wolle seine Rückkehr ins Mannschaftstraining notfalls erzwingen. "Wir werden standhaft bleiben und durchsetzen, dass Adam nächste Woche wieder teilnehmen darf", machte Oliver Fischer, Berater des Ungarn, in der Mainzer Allgemeinen Zeitung deutlich.

Ebenso werde der Stürmer, der in Mainz noch einen Vertrag bis 2021 besitzt, beim Karnevalsverein bleiben. "Adam wird keinen neuen Verein suchen", sagte Fischer. Nach Szalais Suspendierung hatten seine Mainzer Mitspieler am Mittwochnachmittag geschlossen das Training verweigert. Der 32-Jährige darf sich derzeit nur bei der U23 fit halten.

Der für ein familiäres Umfeld bekannte Klub befindet sich nun zum Saisonstart in einer veritablen Krise, viele Probleme im gesamten Gefüge liegen nun öffentlich auf dem Tisch.

Da ist vor allem die Rolle von Trainer Achim Beierlorzer. Rein sportlich ist die Entscheidung gegen Szalai auf den allerersten Blick nicht zu kritisieren. Es gehe darum, andere und jüngere Spieler zu fördern - so weit, so gut. Im Widerspruch dazu steht dann aber die Tatsache, dass der 32-Jährige in der ersten DFB-Pokal-Runde als Joker noch wichtig war.

Dennoch entschieden sich die Mainzer für diesen Schritt – und trafen dabei einen empfindlichen Nerv. Das Team hat sich mit dem äußerst beliebten Ungarn solidarisiert und gegen den Klub gestellt. Der Plan Beierlorzers, mit der Aussortierung Konflikte zu vermeiden, ging gewaltig schief.

Mannschaft hat ein klares Statement gesetzt

Das Gegenteil ist eingetreten: Die Risse sind unübersehbar groß, der für den Klassenkampf nötige Zusammenhalt kann so nicht entstehen. "Das war keine populäre Entscheidung", wusste auch Schröder. Die Welle, die nun auf sie zurollt, sahen die Verantwortlichen nicht kommen.

Schröder, der nun seine größte Krise in Mainz meistern muss, kann man die unglückliche Kommunikation sicherlich vorwerfen. Der 44-Jährige bewies in der Vergangenheit oftmals Weitsicht und hatte die Antennen zumeist oben, diesmal aber verließ ihn sein glückliches Händchen. Er kann dieses Problem aber noch einfangen.

Doch Beierlorzer hat in der Causa Szalai nicht nur mangelndes Feingefühl nachgewiesen. Ihm fehlte der Riecher für die Situation, die Rolle des Sturmtanks in der Mannschaft war ihm offenbar nicht bewusst. Das viel größere Probleme aber ist: Eine Mannschaft, die hinter ihrem Trainer steht, lässt die Situation nicht dermaßen eskalieren. Schröder stellt sich auf einen langen Prozess ein – doch bleiben die Profis ruhig oder gibt es bei nächster Gelegenheit eine weitere Revolte?

"Ich habe dafür Verständnis, dass eine Mannschaft zusammenhält und ein Statement abgibt. Ich habe aber kein Verständnis dafür, wenn der Konflikt in den sportlichen Bereich geht. Training ist ja Kern der Sache im Fußball", so Beierlorzer, der betonte: "Ein Zerwürfnis nehme ich nicht wahr."

Zugang zum Team verloren

Tatsächlich nicht?

Offenbar hat der Franke den Zugang zum Team verloren. Szalai sportlich zu opfern, mag verständlich sein, doch musste der als Integrationsfigur so wichtige Sympathieträger tatsächlich komplett aussortiert werden? Die Argumente, er fürchte um seinen Platz in der ungarischen Nationalmannschaft mit Blick auf die Europameisterschaft im nächsten Jahr, wirken vorgeschoben.

Szalai wollte die Freistellung nicht annehmen und weiter nah am Team sein. Und die Mannschaft hat auf ihre Art und Weise geantwortet: Pro Szalai – und contra Beierlorzer.

Kommentar: Bei Mainz 05 gibt es nach der Eskalation um Adam Szalai nur Verlierer

 

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller

Dicke Luft beim FSV Mainz 05: Wegen Adam Szalai sind die Profis des Fußball-Bundesligisten in einen Streik getreten. Ein Kommentar.

Es gehört zum Schicksal eines Nischenklubs wie Mainz 05, dass er medial nur dann überregional wahrgenommen wird, wenn etwas sehr Außergewöhnliches passiert. Außergewöhnlich gut oder außergewöhnlich schlecht. Es war schlecht für den Verein, als etwa bekannt wurde, dass Ex-Präsident Harald Strutz monatlich für sein Ehrenamt 23 000 Euro kassierte. Mainz 05 hatte damit seine Unschuld verloren.

Und es war gut, als Thomas Tuchel ein paar Jahre zuvor mit dem Team sieben Auftaktspiele in Folge gewann. Da erlangten die damaligen „Bruchweg-Boys“ als Tabellenführer einige Berühmtheit. Ironie des Schicksals: Einer der gefeirten Protagonisten war damals, in einer längst vergangenen Zeit, der Stürmer Adam Szalai.

Adam Szalai - an seiner Person wird der tiefe Bruch beim FSV Mainz 05 deutlich

Jetzt ist derselbe Szalai – als aufstrebender Star gegangen, als alternder Nothelfer zurückgekehrt – der Mann, an dessen Person entlang ein tiefer Bruch erkennbar ist. So dermaßen tief ist dieser Bruch, dass die schon in der vergangenen Saison nicht gerade durch großartigen Zusammenhalt auffällige Mainzer Mannschaft das Mittwochtraining boykottierte. Es wurde diskutiert statt trainiert. Für den Mainz-Trainer Achim Beierlorzer kommt das einem schmerzlichen Autoritätsverlust gleich, der sich in den vergangenen Monaten schon angedeutet hatte. Das Kernziel, sich für die neue Spielzeit gemeinsam zusammenzuraufen, wurde so schon mal verfehlt, noch ehe das erste Heimspiel am Samstag gegen den VfB Stuttgart angepfiffen worden ist.

Für den Verein könnte die Situation kaum unangenehmer sein. Die Coronakrise hat die Fliehkräfte in einer Mannschaft, der es an Klebstoff eines freundschaftlichen Miteinanders mangelt, noch verstärkt. Und sie hat dafür gesorgt, dass das lange Jahre erfolgreiche Geschäftsmodell, Spieler zu entwickeln und teuer zu verkaufen, gerade brachliegt. Eine Folge: Nach dem im vergangenen Herbst beurlaubten Sandro Schwarz kann sich Mainz 05 im Grunde keinen zweiten vorzeitig geschassten Trainer Achim Beierlorzer leisten, der wie Schwarz noch bis Juni 2022 bezahlt werden müsste.

Mainz 05 - Sportchef Rouven Schröder gerät in die Kritik

Dass in der außergewöhnlichen Krisensituation auch Sportchef Rouven Schröder in die Kritik gerät, erscheint wenig verwunderlich. Denn es wäre ja zu kurz gesprungen, die beispiellose Eskalation im Fall Adam Szalai allein am Trainer festzumachen. Schröder hat die Situation jedenfalls so unglücklich gemanagt, dass mindestens die Vorbereitung aufs nächste Spiel nachhaltig gestört ist – eher gar die gesamte Ausrichtung für eine mutmaßlich hochkomplizierte Spielzeit.

Der Druck in Mainz auf alle Beteiligten ist immens. Stärke hat der Klub in seinen besten Zeiten aus dem inneren Zusammenhalt und der familiären Atmosphäre gezogen. Gerade scheint diese Stärke der Vergangenheit die größte Schwäche der Gegenwart geworden zu sein. Die Aussichten für einen wieder zu erwartenden Abnutzungskampf um den Klassenerhalt könnten unangenehmer kaum sein. Wo man dort auch hinsieht: Es gibt gerade nur Verlierer. (Von Jan-Christian Müller)

 

Latza und Brosinski distanzieren sich vom "Spielerbündnis"-Statement

 

Der Fall Szalai wirft viele juristische Fragen auf

 

 

Adam Szalai mit Co-Trainer Jan-Moritz Lichte. imago images

 

Arbeits- und Sportrechtsexperte Philipp Fischinger befasst sich bereits seit längerem mit Themen aus dem Profisport und den Anliegen des "Spielerbündnisses". "Ich finde die Idee zu sagen, wir sind nicht nur Individuen, sondern Kollegen, die miteinander kämpfen, grundsätzlich gut", sagt er. In einer Stellungnahme zum Fall Szalai bemängelt der Zusammenschluss von 460 Spielern und Spielerinnen aus der Bundesliga, 2. und 3. Liga sowie der Frauenliga den Umgang mit dem Spieler durch Mainz 05.

 

Szalai wurde mitgeteilt, dass er sich einen neuen Verein suchen solle. Er darf zudem bei den Rheinhessen nur noch mit der 2. Mannschaft trainieren. "Dieser Fall ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Meinungsfreiheit im Deutschen Fußball bei manchen Vereinen unerwünscht ist. Es ist aus unserer Sicht unbedingt notwendig, dieses Menschenrecht als solches wahrnehmen zu dürfen und auch in den Profialltag zu integrieren, so dass Vereinsfunktionäre und Spieler eine ehrliche Diskussion führen können", schreibt das "Spielerbündnis" in seinem Statement. Die beiden Mainzer Mitglieder des Bündnisses, Danny Latza und Daniel Brosinski, distanzieren sich von dem Schreiben. Sie seien vor der Veröffentlichung nicht zu den Hintergründen befragt worden. Gleichzeitig lehnen sie das Angebot zur Unterstützung durch das Bündnis ab, möchten die Angelegenheit intern mit dem Verein klären.

 

kicker: Herr Fischinger, darf Mainz Adam Szalai in die 2. Mannschaft schicken?
Fischinger: "Im Musterarbeitsvertrag der DFL existiert eine Klausel, dass der Spieler verpflichtet ist, auch am Training und Spielbetrieb der 2. Mannschaft teilzunehmen, so lange diese mindestens in der 4. Liga spielt. Die Wirksamkeit dieser Klausel ist jedoch umstritten, es gibt auch entsprechend unterschiedliche Arbeitsgerichtsentscheidungen. Ich halte diese Klausel für unwirksam, damit wäre die Versetzung in die 2. Mannschaft rechtswidrig. Aber selbst wenn man die Auffassung vertritt, die Klausel ist wirksam, wäre die Abordnung in die 2. Mannschaft nur zulässig, wenn sie billigem Ermessen entspricht. Dazu müsste man genau wissen, worum es geht. Laut kicker sagte der Trainer bei der PK: 'Die zu erwartenden Konflikte in dieser Situation ... Es sind auch Erfahrungswerte, mehr möchte ich gar nicht darauf eingehen.' Wenn der Betriebsfrieden wirklich konkret gestört wird, dann wird man es wohl vertreten können. Aber einfach nur prophylaktisch zu sagen 'er könnte uns stören' reicht nicht."
kicker: Durfte die Mannschaft das Training verweigern?
Fischinger: "Die Mannschaft hat kein Streikrecht, zu einem Streik darf nur eine Gewerkschaft aufrufen, und das auch nur, um einen neuen Tarifvertrag durchzusetzen. Es geht nach deutschem Arbeitsrecht nicht, aus Solidarität mit meinem Kollegen die Arbeitsleistung zu verweigern. Da ist die Rechtslage eindeutig, auch wenn man es menschlich nachvollziehen kann und ich es grundsätzlich eine gute Sache finde, wenn sich Spieler für einen Mitspieler einsetzen."
kicker: Darf ein Arbeitgeber ein eventuelles Fehlverhalten öffentlich kommunizieren?
Fischinger: "Unterstellt man, ein solches habe vorgelegen, sollte ein Arbeitgeber sehr zurückhaltend sein, weil er das Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers schützen muss. Dieses umfasst auch den Schutz der Ehre und des Ansehens des Arbeitnehmers. Im einem Gerichtsfahren dürfte der Arbeitgeber das angebliche Fehlverhalten natürlich offenlegen. Ein vorheriger Gang an die Öffentlichkeit wäre dagegen höchstens dann gerechtfertigt, wenn es kein anderes Mittel gibt, eine ansonsten völlig ausufernde öffentliche Debatte zu stoppen, die das Ansehen des Klubs beschädigt."
kicker: Hat Szalai das Recht, einen Vereinswechsel abzulehnen?
Fischinger: "Selbstverständlich sind Verträge einzuhalten und der Spieler hat grundsätzlich einen Anspruch darauf, vertragsgemäß beschäftigt und bezahlt zu werden. Der Jurist spricht von 'pacta sunt servanda'."
kicker: Fehlt es an Meinungsfreiheit in der Bundesliga, wie das "Spielbündnis" kritisiert?
Fischinger: "Bei Meinungsäußerungen gibt es einen Interessenskonflikt. Einerseits hat der Arbeitgeber ein legitimes Interesse daran, den Betriebsfrieden zu wahren, d.h. dass es nicht durch interne oder externe Äußerungen zu Unruhe kommt. Das gilt gerade in einem so sensiblen Bereich wie in einem Fußballverein, bei dem die Stimmung in der Mannschaft für das Leistungsvermögen zentral ist. Aber: Auch in einem Arbeitsverhältnis hat ein Arbeitnehmer, verfassungsrechtlich geschützt, das Recht, seine Meinung zu äußern. Dieses Recht gilt natürlich auch im Profifußball und ist von den Vereinen zu achten. Grobe Beleidigungen und Schmähkritik muss der Verein nicht dulden, aber sachlich geäußerte, ja selbst überspitzt formulierte Kritik hat er hinzunehmen, auch wenn sie für ihn 'unbequem' ist."

 

Interview: Michael Ebert