Gäste sehen in der OPEL ARENA lange wie der sichere Sieger aus, 05ER nutzen hochkarätige Gelegenheiten nicht.

Die Aufholjagd blieb am Ende unbelohnt: Der 1. FSV Mainz 05 unterlag Aufsteiger Union Berlin am Samstagnachmittag in der OPEL ARENA mit 2:3 (0:2). Dabei schien die Partie nach dem 3:0 der Gäste kurz nach dem Seitenwechsel bereits entscheiden, der FSV kämpfte sich aber ins Spiel zurück und hätte sich nach den späten Treffern von Karim Onisiwo und Daniel Brosinski beinahe noch mit einem Zähler belohnt.

Sandro Schwarz hatte seine Elf gegen den Aufsteiger gegenüber dem Leipzig-Spiel auf drei Positionen verändert. Für Alex Hack, Ronaël Pierre-Gabriel und Kunde Malong rückten Moussa Niakhaté nach abgesessener Sperre, Daniel Brosinski, Edimilson Fernandes ins Team.

In einer verhaltenen Anfangsphase neutralisierten sich beide Mannschaften weitestgehend. So entsprang die erste Gelegenheit auch einem Zufallsprodukt, Christian Gentner geriet aber bei seinem Schuss aus zehn Metern in Rücklage – drüber (15.). Ebenfalls zu hoch angesetzt war wenig später der Versuch von Jean-Paul Boëtius nach Flanke von Levin Öztunali (17.). Die Gelegenheit tat den Gastgebern, die danach druckvoller agierten, gut. In der 20. Minute setzte sich Ádám Szalai energisch durch, schloss aber einen Tick zu überhastet ab, Rafael Gikewicz parierte (20.). Auch die nächste Gelegenheit sollte dem FSV gehören. Nach einem Konter über Robin Quaison spielte der Schwede einen überlegten Ball in den Rückraum, aber Ridle Baku schlenzte das Leder um Zentimeter am Tor vorbei (28.). Fast im direkten Gegenzug dann die Führung für Union: Christopher Trimmel flankte von der rechten Seite, Brosinski kam zwar vor Marcus Ingvartsen an den Ball, bugsierte ihn beim Klärungsversuch jedoch ins eigene Tor (30.). Weil Quaison auch die nächste Riesengelegenheit vor der Pause nicht verwerten konnte, als er Gikiewicz freistehend anschoss, kam es in der Nachspielzeit wie es kommen musste. Ein Eckball von Trimmel fand in der Mitte den blank stehenden Sebastian Andersson, der Robin Zentner aus zehn Metern überwand (45.+3).

Früher Rückschlag, spätes Comeback

Die erste Gelegenheit nach dem Seitenwechsel hatte dann zwar der FSV durch Öztunali (50., drüber), das Tor trafen aber erneut die Gäste nach einem Eckball. Wieder trat Trimmel als Vorlagengeber in Erscheinung, und wieder traf Andersson per Kopf (51.). Die 3:0-Führung spiegelte zu diesem Zeitpunkt zwar keinesfalls den Spielverlauf wider, verdient hatte sie sich der Aufsteiger jedoch mit seiner Effizienz vor dem Tor. Diese Kaltschnäuzigkeit ließen die 05ER auch bei ihren nächsten Gelegenheiten vermissen. Zunächst setzte sich der kurz zuvor ins Spiel gekommene Onisiwo stark durch, schloss aber zu zentral ab, um Gikiewicz zu überwinden. Anschließend landete der Schuss von Alexandru Maxim, ebenfalls eingewechselt, nur am Außennetz. Der Anschlusstreffer, der nochmal eine Initialzündung hätte bedeuten können, wollte aber lange einfach nicht fallen. Auch nicht beim Versuch von Fernandes, dessen Schuss noch entscheidend abgefälscht wurde, und genauso wenig nach dem darauffolgenden Brosinski-Eckball, als Joker Nummer drei Jonathan Burkardt am kurzen Pfosten mit dem Kopf ans Leder kam, das Tor aber um Zentimeter verfehlte (beides 80.).

Im nächsten Versuch klappte es dann zwar mit dem hochverdienten Anschlusstreffer, als Niakhaté sich durchtankte und Onisiwo bediente, der aus zehn Metern einnetzte (81.). Letztlich war es aber zu spät für die ganz große Aufholjagd, auch, weil Marvin Friedrich Szalai nach einer Flanke des Torschützen zum 1:3 im letzten Moment entscheidend störte (85.). Die Mainzer rannten unbeirrt an und belohnten sich eine Minute vor Ablauf der fünfminütigen Nachspielzeit nach feiner Vorarbeit von Onisiwo noch mit dem 2:3 durch Brosinski. Danach aber war Schluss, die drückende Mainzer Überlegenheit über weite Strecken der zweiten Hälfte nur Makulatur. Unter dem Strich stand eine ernüchternde, weil völlig unnötige Heimniederlage. Vor der Länderspielpause bleibt das Punktekonto der 05ER bei neun Punkten aus elf Spielen stehen. Am Sonntag in zwei Wochen gastieren die Mainzer bei der TSG 1899 Hoffenheim.

Spieldaten

Aufstellung

Stimmen zum Spiel

Der Frust der Fans des FSV Mainz 05 entlud sich nach dem Schlusspfiff.

Die Anhänger pfiffen die Spieler nach dem 2:3 gegen Union Berlin gnadenlos aus, als die Mannschaft kurz darauf in die Kurve kam, wurde diese minutenlang beschimpft. "Das ist natürlich nicht schön, aber es ist ihr gutes Recht. Und nach so einer Leistung auch zurecht", sagte 05-Kapitän Daniel Brosinski. "Man kann die Reaktion verstehen, es läuft seit Wochen nicht gut."

Sandro Schwarz (05-Trainer): "Dieses Spiel heute war ein reines Kopfproblem. Wir müssen nicht über fehlende Qualität oder fehlende Bereitschaft sprechen. Wir kassieren in unserer besten Phase in der ersten Halbzeit das 0:1. Die beiden Standardgegentore vor und nach der Pause waren dann der Genickbruch. Da war der Stecker draußen, gingen die Köpfe runter - und wir brauchten viel, viel zu lange, um an die Ergebnischance zu glauben. Am Ende war die Moral da, aber unterm Strich fehlte heute die Energie, sich im Kollektiv gegen alle Widerstände zu stemmen. Eine reine Kopfsache.“
...zur Trainerfrage: „Ich habe keine Furcht davor, sondern bin eher frustriert, dass wir das Spiel verloren haben. Es geht hier nicht um einzelne Personen, sondern um den Klub und die Mannschaft.“
Rouven Schröder (FSV-Sportvorstand): "Wir hatten uns viel vorgenommen. Und die Mannschaft hat auch gezeigt: Sie will. Dass es nach so einem Spiel wie in Leipzig nicht einfach ist, ist natürlich klar. Die Verunsicherung war zu spüren, wir waren nicht frei in unseren Handlungen. In unserer besten Phase kriegen wir das unnötige 0:1. Wir haben gedacht, gegen Köln haben wir das auch gedreht. Das 0:3 nach der Pause ist aber natürlich ein Brett. Man hat gemerkt, dass sich die Mannschaft damit beschäftigt hat. Dass die Fans geschockt sind und ihren Unmut äußern, ist ja klar. Der Druck wird größer, keine Frage. Aber wir sind überzeugt davon, dass die Mannschaft gut genug ist."
...zur Trainerfrage: "Ich werde jetzt nicht jede Woche ein Plädoyer halten. Mainz 05 muss erfolgreichen Fußball spielen, das ist klar. Und wenn es nicht läuft, müssen wir gemeinsam Lösungen finden. Wenn die Emotionalität weg ist, werden wir alles ganz nüchtern betrachten - so wie immer. Es geht jetzt nicht um Personen - Mainz 05 steht über allem. Wir werden morgen früh um 10 Uhr trainieren, uns danach unterhalten. Es wird gibt nichts Besonderes, es geht alles normal von statten."
Daniel Brosinski (Mainzer Kapitän): "Es ist immer nicht schön, wenn man nach einer Niederlage mit Pfiffen konfrontiert zu werden. Wir hatten die Situation ja schon mal vor zwei Jahren nach dem Frankfurt-Spiel. Es ist das gute Recht der Fans - und nach so einer Niederlagen pfeifen sie auch zurecht. Wir haben eigentlich gut angefangen, es fehlte aber das Quentchen Glück. Union geht mit dem ersten guten Angriff in Front. Danach fehlte uns das Zutrauen komplett. Wir sind zu spät aufgewacht, dürfen uns am Ende nicht über die Niederlage beschweren. Wir dürfen jetzt gar nicht viel reden, müssen ein, zwei Nächte darüber schlafen und nachdenken. Es bringt nichts, wenn wir uns jetzt in der Kabine anschreien. Jeder muss sich selbstkritisch fragen: Habe ich 90 Minuten alles reingehauen?"
Ridle Baku (05-Youngster): "So eine Reaktion der Fans habe ich in der Form noch nicht erlebt. Aber man kann sie nachvollziehen, es läuft seit Wochen nicht gut. Wir verlieren im Spiel wieder komplett den Faden. Aber es ist auch schwer, wenn du seit Wochen mit Nackenschlägen kämpfen musst. Am Schluss kannst du der Mannschaft nicht vorwerfen, dass sie sich ergeben hat. Aber eben, dass wir zu wenige Punkte haben. Wir müssen diese einfachen Fehler schnell abstellen. Wie die Lösung aussieht, ist schwer zu sagen."
Sebastian Polter (Union-Stürmer): "Wir können jetzt mal ein bisschen durchatmen. Das war unser erster Auswärtssieg - das tut natürlich gut. Wir müssen uns aber trotzdem weiter Woche für Woche konzentrieren. Wir wussten, dass Mainz nach dem 0:8 alles in die Waagschale werfen würde. Deshalb wollten wir unsere Tugenden ausspielen - das ist uns gelungen. Wir können mit unserer Bilanz bislang zufrieden sein."

Spieler in der Einzelkritik

Robin Zentner Note: 3

Hatte nicht allzu viele Möglichkeiten, sich auszeichnen. Hielt, was er halten konnte. Versuchte lautstark, von hinten anzutreiben. Bei den Gegentoren schuldlos.
Daniel Brosinski Note: 5
Bemühte sich am Ende zu kitten, was er zuvor 80 Minuten lang verbockt hatte. Das war schlimm anzusehen. Alibifußball, dazu das Eigentor. Sein Tor zum 2:3 – Makulatur.
Jeremiah St. Juste Note: 5
Selbstvertrauen und Souveränität hat der Niederländer offenbar beim 0:8 in Leipzig eingebüßt. Nicht immer auf der Höhe, inkonsequent, etwa auch bei der Ecke zum 0:3.
Moussa Niakhaté Note: 4
Der Verteidiger war einer der wenigen, denen man anmerkte, wie unangenehm ihm dieser Gesamtauftritt war. Hielt es hinten nicht mehr aus und bereitete dann auch Onisiwos 1:3 vor. Die 05er bräuchten mehr von diesen Typen.
Aaron Martin Note: 6
Unvorstellbar, dass Atlético Madrid angeblich mal an dem Außenverteidiger interessiert gewesen sein soll. Es muss sich um seinen Doppelgänger handeln. Der Spanier steht komplett neben sich – oder zu weit weg (Flanke zum 0:1).
Edimilson Fernandes Note: 6
Wenn es eines Beweis bedurft hätte, dass dem komplett körperlos agierenden Schweizer die Bundesligatauglichkeit komplett abgeht, dann waren es diese 90 Minuten. Ein Fehleinkauf.
Ridle Baku Note: 4
Der Jüngste in der Startelf bemühte sich nach Kräften, hatte die Riesenchance zum 1:0, wollte es zu genau machen. Gab nie auf, ging aber mit unter.
Levin Öztunali Note: 6
Eine Nicht-Leistung, die jeder Beschreibung spottet. Totalausfall.
Jean-Paul Boetius Note: 6
Was war das denn? Der Bolzplatzkicker verhielt sich, als wäre er genau dort: auf dem Bolzplatz. Ein „Törtchen“ hier, eine Drehung dort. Brotlos. Ein bisschen mehr Demut hätte ihm an diesem miserablen Tag gut getan. Völlig falsche Attitüde.
Robin Quaison Note: 4
Bemüht und beweglich. Versuchte, Räume zu finden und zu öffnen, traf aber zu oft die falsche Entscheidung (etwa bei seiner Großchance).
Adam Szalai Note: 5,5
Suchte seine Rolle im Spiel vergeblich, zumal er gegen die Union-Hünen ein schweres Standing hatte. Einziger Lichtblick: seine Chance, die der starke Berliner Keeper Rafal Gikiewicz parierte (20.).
Alexandru Maxim Note: 3
Der Edelreservist kam inmitten der allgemeinen Verunsicherung und zeigte sich im Mittelfeld sehr engagiert. Ein solider Auftritt, mit dem er manchen Mitspieler aber locker in den Schatten stellte.
Karim Onisiwo Note: 2
Ab der 61. Minute im Spiel und sofort im Volldampfmodus. Mit Zug zum Tor. Erzielte das 1:3 (81.), bereitete das 2:3 (90.) vor und zwang Torhüter Gikiewicz zu einer sensationellen Parade (64.).
Jonathan Burkardt Note: 0
Der unbelastete Youngster hatte nach seiner Einwechslung (77.) ein paar gute Aktionen.
Im Kader: Müller, Pierre-Gabriel, Latza, Kunde, Barreiro, Hack.

Mannschaftsfoto Saison 2019/2020