Awoniyi kontert Ingvartsen - FSV unterliegt Union

Erste Heimniederlage der Saison gegen Berlin: 05ER kassieren nach der Pause einen Doppelschlag und lassen in der Schlussphase Chancen auf den Ausgleich liegen - Gelb-Rot für Kohr

Das war eine Niederlage der vermeidbaren Art: Mit 1:2 (1:0) musste sich der 1. FSV Mainz 05 am Sonntagnachmittag in der MEWA ARENA Union Berlin geschlagen geben. Nach der Führung durch Marcus Ingvartsen in Durchgang eins hatte der FSV es den Gästen in Durchgang zwei zu leicht gemacht, per Doppelschlag in Führung zu gehen - der ehmalige Mainzer Taiwo Awoniyi hatte jeweils von den Lücken in der Mainzer Defensive pfofitiert und war zweimal eiskalt geblieben. Trotz einer Schlussoffensive der Gastgeber, allen voran Karim Onisiwo scheiterte mehrfach, entführten die Berliner am Ende zwar glücklich, aber aufgrund einer Drangphase nach der Pause und der Effizienz vor dem Tor, nicht gänzlich unverdient die Punkte aus Rheinhessen.

Eine Veränderung hatte Bo Svensson gegenüber der Niederlage bei Bayer 04 Leverkusen vorgenommen und dem Ex-Berliner Ingvartsen den Vorzug vor Jean-Paul Boëtius gegeben. Kapitän Moussa Niakhaté kehrte nach seiner Oberschenkelverletzung zwar in den Kader zurück, nahm aber zunächst auf der Bank Platz.

Martin Schmidt sagte nach dem Schlusspfiff: "Die erste Halbzeit war solide mit drei, vier guten Kontern und der Führung. Nach der Pause war der Gegner zunächst druckvoller und ist dann in Führung gegangen, weil wir in zwei Situationen nicht gut verteidigt haben. Es ist sehr ärgerlich", so der Sportdirektor.

Spielfluss leidet unter Wetterverhältnissen - St. Juste verletzt

Bei starken Windböen in und rund um die MEWA ARENA bemühten sich beide Teams zunächst unter erschwerten Bedingungen um einen strukturierten Spielaufbau. Die Folge: Viel Stückwerk und kaum Torabschlüsse in der Anfangsphase, in der kein Team wirklich zwingend zum Zug kam. Die 05ER mussten zudem nach 20 Minuten die nächste Hiobsbotschaft wegstecken. Jeremiah St. Juste blieb nach einem Zweikampf mit dem ehemaligen 05ER Awoniyi liegen und musste mit einer Schulterverletzung ausgewechselt werden, was David Nemeth zu seinem Bundesliga-Debüt verhalf. Kurz darauf kamen die Gäste dann zur ersten Gelegenheit der Partie, als Awoniyi den Ball nach einer flachen Hereingabe von Max Kruse aus sechs Metern nicht erwischte - Glück für den FSV (23.). Doch auch die Gastgeber fanden nun besser in die Begegnung und hätten drei Minuten später ihrerseits in Führung gehen können: Dominik Kohr hatte Onisiwo nach einem beherzten Lauf duchs Zentrum im Strafraum bedient, und die gefühlvolle Hereingabe des Österreichers erreichte am zweiten Pfosten Anderson Lucoqui, dessen Direktabnahme das Gehäuse jedoch verfehlte (26.).

Erneut folgte etwas Leerlauf im Spiel, zumindest mit Blick auf das Geschehen in beiden Strafräumen. Beide Teams verteidigten kompakt und diszipliniert, so dass das torlose Remis auch nach einer guten halben Stunde logische Konsequenz war. Nachdem sich Jonny Burkardt und Leo Barreiro in der 36. Minute im Verbund energisch durchgesetzt hatten, kam der Luxemburger aus acht Metern zum Abschluss, verzog aber deutlich. Vier Minuten später sollte es dann aber doch noch einmal klingeln in Durchgang eins: Nemeth zeigte sich nach einem Mainzer Ballverlust hellwach und läutete mit seinem Ballgewinn auf Höhe der Mittellinie sofort den Gegenangriff ein. Über Burkardt und Onisiwo landete das Leder binnen weniger Sekunden ausgerechnet bei Ingvartsen, der seinem Ex-Teamkollegen Andreas Luthe im Tor der Gäste aus zehn Metern keine Chance ließ - 1:0 für die 05ER (40.). Diese Führung hatte bis zur Pause Bestand und war nach Teil zwei von Durchgang eins nicht unverdient.

Awoniyi nutzt zwei Lücken, FSV lässt Ausgleich liegen

Unverändert kamen die Teams aus den Katakomben der MEWA ARENA und gerade einmal 60 Sekunden waren gespielt, als der FSV zum ersten Abschluss nach Wiederbeginn kam: Burkardt hatte Barreiro bedient, der das Leder von der Strafraumgrenze aber nicht voll erwischte (47.). Auf der gegenüberliegenden Seite kamen auch die Gäste kurz darauf mal wieder zu einer Gelegenheit, als Genki Haraguchi einen Doppelpass mit Awoniyi spielte, den im Rückraum lauernden Julian Ryerson bediente, der aber bei gleich zwei Schussversuchen binnen Sekunden geblockt wurde - zunächst hatte Lucoqui den Einschlag verhindert, dann stand Awoniyi im Weg (49.). Union wurde immer gefährlicher gegen nun etwas passive Mainzer, und so mussten die Gastgeber neun Minuten später erneut durchatmen, weil Awoniyis Schuss aus zwölf Metern nur um Zentimeter am rechten Pfosten vorbeitrudelte (59.). Doch auch die Gastgeber setzten in einer umkämpften Partie weiter offensive Akzente: In der 63. Minute entschärfte Luthe soeben eine Onisiwo-Flanke - in der Mitte hatten Burkardt und Kohr gelauert. Drei Minuten später landete ein Freistoß von des Torschützen knapp über dem Querbalken, der danach Feierabend hatte. Für Ingvartsen kam Boëtius, während Stach Burkardt ersetzte (67.).

Zwei Minuten nach den Wechseln glichen die Gäste allerdings aus, und ebenso wie vor der Pause nach einem Ballgewinn gegen den Mainzer Spielaufbau. Kruse hatte anschließend Awoniyi auf die Reise geschickt, der das Laufduell gegen Silvan Widmer für sich entschied und Zentner aus zwölf Metern keine Chance ließ (69.). Und nur drei Minuten später schlug der Nigerianer erneut zu, weil die 05ER sich ein weiteres Mal viel zu offen präsentierten. Einen langen Ball aus der eigenen Hälfte verlängerte der eingewechselte Kevin Behrens in den Lauf des Stürmers, der vor Zentner zum zweiten Mal eiskalt blieb (73.). Svensson zog im Anschluss sofort seine letzten Wechsel-Optionen und brachte Niakhaté und Kevin Stöger für Barreiro und Brosinski. Der FSV drängte danach auf den Ausgleich, der bei zwei Kopfbällen von Onisiwo in der Luft lag, doch zunächst parierte Luthe, der zweite Ball landete neben dem Gehäuse (79., 80.). Und der Österreicher blieb dran: Nach einer Flanke von Landsmann Stöger versuchte er es technisch versiert aus der Drehung, scheiterte aber wieder am Schlussmann der Gäste (85.). Noch näher am Ausgleich sollte in der 90. Minute noch einmal Widmer sein, der eine gefühlvolle Niakhaté-Flanke um Zentimeter vefehlte. Es sollte die letzte Gelegenheit bleiben. In der Nachspielzeit sah Kohr nach wiederholtem Foulspiel schließlich noch die Gelb-Rote Karte, wenig später war Schluss in der MEWA ARENA.

Nach der Länderspielpause gastieren die 05ER, die nach sieben Spieltagen zehn Punkte auf dem Konto haben, bei Borussia Dortmund.

Spieldaten

Aufstellung

Stimmen zum Spiel

Christian Heidel: "Ich habe das Spiel so ähnlich erwartet. Es sind zwei Mannschaften aufeinandergetroffen, die sich ähneln mit starker Defensive und Körperlichkeit. Für den neutralen Beobachter war die erste Halbzeit sicher nicht so schön anzusehen, umso schöner aber war unser Tor. Nach der Pause sind wir, ähnlich wie in Leverkusen, 20, 25, Minuten nicht ins Spiel gekommen. Da hat sich angedeutet, dass Union gefährlicher werden könnte. Danach kamen wir wieder besser rein, dennoch war es kein unverdienter Sieg. Wir haben die Tore gegen die Genialität von Max Kruse und das Tempo von Taiwo Awoniyi bekommen. Die Gegentreffer waren in ihrer Entstehung fast identisch. In der Innenverteidigung gehen wir momentan ganz sicher ein bisschen auf dem Zahnfleisch."

Bo Svensson (05-Cheftrainer): „Die erste Halbzeit war ein ausgeglichenes Spiel. Wir haben ein wichtiges Führungstor gemacht. In der zweiten Halbzeit war Union stärker, wir haben nicht die richtigen Mittel gefunden. Die zwei Gegentore waren Geschenke von uns. So wie wir uns in der Kette verhalten haben - das darf man nicht. Wir wissen alle um die Stärken von Taiwo Awoniyi.“
…zu den Wechseln: „Es lag nicht an der Systemumstellung, sondern am Kettenverhalten. Wir haben drei, vier Minuten danach ja besser gespielt.“
Martin Schmidt (FSV-Sportdirektor): „Wir haben nach dem 1:0 gewechselt, weil wir in der Breite besser verteidigen wollten. Wenn man in drei Minuten zwei Gegentore bekommt, hätte man eventuell schon mehr Stürmer drauflassen können. Wir hatten dennoch danach drei große Chancen, die Möglichkeiten waren ja da. Wir haben das Spiel davor verloren - und zwar in der Defensivarbeit. Bei beiden Gegentoren standen wir an der Mittellinie und haben uns auskontern lassen. Das ist untypisch für uns. Daran sieht man wie überlebenswichtig Jeremiah St. Juste und Moussa Niakhaté für uns sind. Ihr Toptempo hat uns in beiden Situationen gefehlt.“
Stefan Bell über sein 200. Bundesliga-Spiel: „Natürlich stimmt mich das stolz und glücklich. Vor allem hatte ich vor acht, neun Monaten gar nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch mal auf der Bundesliga-Bühne aufzutauchen. Mit dem Bild mit Präsident Stefan Hofmann schließt sich für mich auch ein kleiner Kreis, denn vor 14 Jahren hatte er mich als Leiter des Nachwuchsleistungszentrum im Jugendcontainer begrüßt. Das war heute wie damals ein schöner Moment für mich.“
Stefan Bell zur 1:2-Niederlage: „Bis zur Pause war es ein ordentliches Spiel von uns mit einem superschönen Umschalttor. Wir haben gut verteidigt, nichts zugelassen. Da war alles in Ordnung so weit. Allerdings haben wir uns in der zweiten Halbzeit hinten reindrücken lassen, Union hat das Momentum auf seine Seite gezogen und im – aus unserer Sicht - falschen Moment die beiden Tore gemacht, auf die wir keine Antwort mehr hatten. Es ärgert uns schon sehr, dass wir fast zwei identische Gegentore bekommen.“
Robin Zentner (05-Keeper): „Es ist schon sehr ärgerlich, dass wir zwei Tore aufs Tor kriegen und beide drin sind. Wir dürfen einfach nicht zweimal die Berliner so auf unser Tor zulaufen lassen. Wir sind einfach nicht richtig in die Zweikämpfe gekommen. Das müssen wir besser lösen.“
Urs Fischer (Union-Coach): „Ein toller Sieg, ein hart umkämpfter Sieg. Es war nicht nötig, dass wir zur Pause 0:1 zurückliegen. Die 20 bis 25 Minuten nach dem Seitenwechsel waren natürlich sehr stark von uns. Gerade nachdem wir unter der Woche Kraft gelassen haben.“

Spieler in der Einzelkritik

Robin Zentner: Note 2
Kein Spiel, in dem sich der Torwart groß auszeichnen konnte. In der ersten Halbzeit beschäftigungslos, nach der Pause war Zentner direkt ein paar Mal gefordert und zur Stelle. Bei den Gegentoren chancenlos.

Daniel Brosinski: Note 4
Der Rechtsverteidiger ließ über seine Seite kaum was zu. In der Vorwärtsbewegung aber mit viel zu vielen Fehlern. 13 seiner 28 Pässe landeten beim Gegner.
Jeremiah St. Juste: Note 0
Bitterer Nachmittag für den Niederländer: Der Innenverteidiger rutschte in der 17. Minute bei einem Zweikampf unglücklich weg und kugelte sich die Schulter aus. Ein MRT soll am Montag zeigen, ob der 24-Jährige im schlimmsten Fall operiert werden muss. Debütant David Nemeth übernahm.
Stefan Bell: Note 3
Da eine Balleroberung, hier eine Grätsche: Der Jubilar hatte in seinem 200. Bundesliga-Spiel für die 05er viele starke Szenen. Vor dem 1:2 zog der Innenverteidiger allerdings in einem wichtigem Kopfball-Duell den Kürzeren.
Silvan Widmer: Note 4
Machte seine Sache als Aushilfsinnenverteidiger zunächst ordentlich. Beim Ausgleich verlor der Schweizer aber das Laufduell mit Taiwo Awoniyi. Da ließ sich Widmer viel zu leicht abschütteln.
Anderson Lucoqui: Note 4
In der 26. Minute vergab der Linksverteidiger die große Chance zur Führung. Der 24-Jährige war zwar mit 10,91 Kilometern der laufstärkste 05er, aber: Über seine Seite gelangen den Gästen zu viele Flanken.
Dominik Kohr: Note 3,5
Der robuste Sechser grätschte in gewohner Manier Bälle und Gegner weg, leitete zudem die Lucoqui-Gelegenheit ein. In der Schlussphase dann unglücklich: In der 75. Minute kam Kohr gegen Rani Khedira zu spät, in der Nachspielzeit traf er Kevin Behrens mit hohem Bein – Gelb-Rot.
Leandro Barreiro: Note 4
So richtig wollte der Luxemburger einfach nicht ins Spiel finden. Zu ungenau mit seinen Zuspielen. Vor dem 1:1 gab Barreiro den Ball zu schnell her, Awoniyi vollendete den anschließenden Konter.
Marcus Ingvartsen: Note 3
Sichtlich motiviert gegen seinen Ex-Club beim Startelf-Debüt im FSV-Trikot. Der Däne, der für Jean-Paul Boetius in die Anfangsformation rotiert war, nahm beim Führungstreffer perfekt Maß. Drei Minuten später scheiterte der Angreifer an Union-Keeper Andreas Luthe, in der 66. Minute zielte er mit einem Freistoß knapp drüber. Machte kurz darauf Platz für Boetius.
Jonathan Burkardt: Note 3
Der U21-Europameister arbeitete erneut extrem viel, störte immer wieder früh. Sein Steilpass vor dem 1:0 – Extraklasse. Allerdings blieb der Youngster auch immer wieder mal hängen. Kein Torschuss, keine Vorlage. In der 66. Minute für Anton Stach ausgewechselt.
Karim Onisiwo: Note 3
Hervorragende Vorlage für Ingvartsen beim Führungstor. Drei Minuten danach bediente er erneut den Dänen. Der Österreicher rieb sich 90 Minuten auf. Es fehlte aber die letzte Konsequenz beim eigenen Abschluss: Ließ beste Chancen in der 80. und 85. Minute liegen.
David Nemeth: Note 4
Der 20-Jährige feierte nach der Verletzung von St. Juste in der 20. Minute sein Bundesliga-Debüt. Der Innenverteidiger brauchte auf der ungewohnten linken Seite einen Moment, um nach dem Sprung ins kalte Wasser reinzufinden. Dann die 39. Minute: Nemeth leitete mit seinem starken Ballgewinn das 1:0 ein. Beim 1:2 kochte ihn Awoniyi wiederum ab, Nemeth sah genauso wie kurz vorher Widmer schlecht im 1:1 aus.
Jean-Paul Boetius: Note 0
Durfte diesmal nur als Joker ran. Der Niederländer ersetzte Ingvartsen – ohne jedoch große Akzente zu setzen.
Anton Stach: Note 0
Der Sommer-Neuzugang, der für Burkardt übernahm (66.), ist immer noch im Findungsmodus. Der so talentierte Mittelfeldmann schafft es nicht, sein Potenzial zu entfalten.
Moussa Niakhaté: Note 0
Der Kapitän gab drei Wochen nach seiner Oberschenkelverletzung – und damit deutlich früher als erwartet – sein Comeback, wurde in der 76. Minute für Brosinski eingewechselt. Sofort präsent, mit Drang nach vorne. Er wurde vorher schmerzlich vermisst.
Kevin Stöger: Note 0
Der Österreicher durfte in den letzten 14 Minuten für Barreiro ran, fiel aber nicht mehr auf.
Im Kader: Dahmen; Aaron, Lee, Tauer.