DIE ZEIT: Herr Schmidt, wenn über Sie geschrieben wird, weiß man manchmal nicht, was Dichtung ist und was Wahrheit. Wir würden da gern mal einige Ungenauigkeiten klären.

 

Martin Schmidt: Legen Sie los.

 

 

 

ZEIT: Als Kind Schafe oder Kühe gehütet?

 

Schmidt: Kühe. Mein Opa war Bauer, und im Sommer sind wir Kinder mit den Eltern hoch auf die Alp und haben dort die Kühe vom Opa gehütet. Es hält sich aber die Mär von den Schafen und Geißen – das erfüllt wohl besser das Heidi-Klischee.

 

ZEIT: Bergführer oder Skilehrer gewesen?

 

Schmidt: Weder – noch. Ich habe meinen jüngeren Schwestern zwar etwas Ski fahren beigebracht, und ich war natürlich auf jedem Berg in der Umgebung. Aber professioneller Bergführer oder Skilehrer war ich nie.

 

ZEIT: Haben Sie wirklich den Streckenrekord bei der Belalp Hexe gebrochen, einer Abfahrt, bei der es auf zwölf Kilometern 1.800 Meter runtergeht?

 

Schmidt: Nein, ich war mal Zweiter. Mein Schwager hat 1994 den Streckenrekord gebrochen, er war ein paar Sekunden schneller als ich.

ZEIT: Und 1997 haben Sie sich beim gleichen Rennen zwei Halswirbel gebrochen?

 

Schmidt: Stimmt nicht ganz, das war beim Sechs-Stunden-Downhill-Rennen auf der Belalp.

 

ZEIT: Auch Ihre Knie haben gelitten: Waren es sieben Kreuzbandrisse – oder doch nur fünf?

 

Schmidt: Drei rechts, vier links. Zwei- oder dreimal war es der Fußball, zwei- oder dreimal Ski, einmal Mountainbike.

 

ZEIT: Hatten Sie als gelernter Kfz-Mechaniker eine eigene Werkstatt, oder waren Sie bei der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft aktiv?

 

Schmidt: Beides. Nach meiner Lehre habe ich vier Jahre im Rennsport und im Tuningbereich gearbeitet. Mit 24 habe ich dann im Wallis, meiner Heimat, eine Werkstatt gekauft. Meine Spezialität war das Tuning, Autos veredeln, sie breiter machen und tieferlegen. Nach zehn Jahren war Schluss.

 

ZEIT: Warum?

 

Schmidt: Ich glaube, man sollte nie etwas länger machen als maximal 20 Jahre. Dann lassen Leidenschaft und Emotionen nach.

 

ZEIT: Haben Sie von einem auf den anderen Tag gemerkt: Jetzt muss etwas anderes her?

Schmidt: Nein, mein Interesse ließ langsam nach. Ich warf meine Automobilzeitschriften ungelesen weg, das war ein Zeichen. Die Leidenschaft für Technik, Benzin, Tempo, Tuning ging verloren. Ich wollte lieber mit Menschen zu tun haben. Niemand kommt in die Werkstatt und sagt: "Ey, super, meine Kupplung ist kaputt, wechsel sie mir bitte!" Sondern: "Mann, was das wieder kostet!" Von 2001 an war ich Assistenztrainer beim FC Raron, und da habe ich gemerkt: Das ist es, was mich fasziniert – Menschen motivieren und sie auf den gleichen Weg bringen.

ZEIT: Wie passt der Individualist Martin Schmidt, der keinem ausgetretenen Pfad folgt, in die genormte Welt des Berufsfußballs, in der sich ein Trainer nur im abgezirkelten Bereich am Spielfeldrand bewegen darf?

 

Schmidt: Ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen, ich war immer ein Individualist im Team. Ich habe stets gern mein Limit ausgelotet: Beim Skifahren wollte ich immer noch schneller fahren – statt über diesen Felsen zu springen, können wir doch über den zehn Meter höheren springen. Und ich wollte unbedingt als Erster unten sein. Ich bin mal ein Mountainbike-Rennen gefahren, da ging es auf Skipisten den Berg runter, zum Teil schneller als 100 km/h. Von Kind an hatte ich den Hang, zu übertreiben, übermütig zu werden, daher kommen auch meine Verletzungen. Aber ich war nie ein Einzelgänger, sondern in der Gruppe unterwegs. Ich kann also Rücksicht nehmen – und mich an Regeln halten.

 

ZEIT: Grenzen ausloten: Gilt das auch für den Trainer Martin Schmidt?

Schmidt: Das galt und gilt immer. Als ich noch Autos getunt habe, war das auch so. Meine Wagen sollten immer die tiefsten und die breitesten sein. Da ging es um Millimeter, ob Felge und Reifen noch straßenverkehrstauglich sind. Es ging ums Verfeinern und Perfektionieren – und dieser Gedanke steckt auch als Fußballtrainer in mir.

ZEIT: Seit Jürgen Klopp und Thomas Tuchel ist der Stil von Mainz 05 geprägt durch schnelles Umschalten. Was ist Schmidt-typisch?

 

Schmidt: Die Spielweise von Mainz 05 unter den verschiedenen Trainern hatte den gleichen Charakter, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Thomas zerlegt den Gegner in seine Einzelteile, plant Züge, damit der Gegner den und den Zug macht und man ihn dann kontert – wie beim Schach. Jürgen war ein Motivator, und sein Mainz war eine Pressingmaschine. Wir sind heute eine Umschaltmaschine. Unsere Überfälle, die Balleroberung, der Tempofußball – all das basiert auf Laufleistung und Sprintstärke. Wir wollen die lauf- und sprintstärkste Mannschaft der Liga sein.

 

ZEIT: Der Grenzgänger Schmidt erwartet auch von seinen Spielern, immer an die Grenzen zu gehen?

Schmidt: In jedem Training, bei jeder kleinen Passübung. Wenn der erste Pass auf den linken Fuß kommt statt auf den rechten, wo der Gegner keinen Zugriff hat, werde ich sauer. Ich will, dass die Spieler von Anfang an die Antennen ausfahren: Jetzt ist höchste Konzentration angesagt. Bei Sprintübungen schaue ich, wer gewinnt. Aus jeder Übung, aus jeder Spielform will ich einen Wettkampf machen, um die Spieler immer zu fordern. Im Training wird alles, was wir machen, benotet, resultatorientiert aufgenommen, in einer Datenbank erfasst, übers ganze Jahr. Dann kann ich sehen: Der eine Spieler gewinnt 66 Prozent der Spiele und Übungen, der andere vielleicht nur 45.

 

ZEIT: Und am Ende stellt der Computer die Mannschaft auf?

Schmidt: Nein. Aber die Daten sind in Spielergesprächen wichtig. Ich kann dem Spieler anhand dieser Daten auch mal begründen, warum es zu dieser oder jener Entscheidung kam. Mir geht es aber primär um eine Gewinner-Mentalität, die ich schüren will: Wer etwa bei Torschussübungen trifft, kann gemütlich zum Ausgangspunkt traben. Wer nicht trifft, muss sprinten.

 

ZEIT: Neben der Mentalität legen Sie besonderen Wert auf Sozialkompetenz. Wie stellen Sie fest, ob ein Spieler, den Sie verpflichten wollen, das mitbringt, was Sie erwarten

Schmidt: Bevor ich einen Spieler treffe, haben wir ihn beobachten lassen, im Spiel wie im Training. Hilft er zum Beispiel am Trainingsende beim Bällesammeln, oder verschwindet er als Erster vom Platz? Kleine, aber feine Indizien. Und in einem Gespräch kann man schon was rauskriegen. Wenn ich einem 19-Jährigen was von Demut erzähle, und er fährt einen Porsche 911 Cabrio, passt unsere Vorstellung von Bescheidenheit nicht zusammen. Oder wenn einer fragt: "Wo ist der Pool? Wo sind die Kühlbecken?" Das sind bei uns drei Tonnen. Wer dann die Nase rümpft, passt nicht nach Mainz.

ZEIT: Also haben Sie eine Mannschaft der Wohlerzogenen?

 

Schmidt: Nein, nicht nur, ich brauche ja nicht nur Bindungstypen, ich brauche auch einen Aggressor. Da kann ich nicht unbedingt einen Familienvater erwarten, der jede freie Minute mit seinen Kindern verbringt. Das darf dann schon einer sein, der ein dickes Auto fährt und von der Hand bis zur Schulter tätowiert ist.

 

ZEIT: Mit zwei Spielern von der Sorte kann es aber auch knallen.

Schmidt: Im Kader brauchst du Bindungstypen, Aggressiv-Leader und Kreative – aber die Bindungstypen müssen immer die klare Mehrheit sein. Und die erkennst du. Wenn ich einen Kandidaten durchs Stadion führe, biete ich immer an, ihm auch das Trainingsgelände zu zeigen – wenn er meint, das brauche er jetzt nicht, dann geh ich mit einem sauschlechten Gefühl da raus. Auf der anderen Seite hatte ich im Sommer einen Spieler, dem ich die Loge in der Arena gezeigt habe, und der unbedingt auch das Trainingsgelände sehen wollte. In der Spielerkabine ist er dann auf die Knie gegangen und hat gesagt: "Wow! Das ist mein Traum, in so einer Kabine wollte ich schon immer mal sein!" Da habe ich gewusst: Der wird sich in jedem Training reinhängen – der passt hierher.

 

ZEIT: Nur Ihrer Mannschaft und Borussia Mönchengladbach ist es in dieser Saison gelungen, Bayern München zu schlagen. Mit Fitness und Sozialkompetenz allein klappt das nicht. Sie haben mal gesagt, es sei wichtig, Bilder in den Köpfen zu erzeugen. Welche haben Sie Ihren Spielern vor dem Sieg in München Anfang März eingepflanzt?

 

Schmidt: Da wollte ich den Spielern den Respekt, die Angst nehmen. Wir haben ihnen nicht Tore von Übermannschaften wie Barça oder Arsenal gegen Bayern gezeigt, sondern gute Angriffe vom VfL Bochum im DFB-Pokal oder Konter von Ingolstadt, und den Treffer von Darmstadt in München. Jeder Spieler denkt dann: Das können wir doch auch! Und ich habe erst kurz vor dem Spiel mitgeteilt, dass wir ein neues System spielen, das wir noch nie geübt hatten. So hat vor dem Spiel jeder nur an seine Aufgaben im neuen System gedacht und nicht an die 75.000 Zuschauer. Wir wollten außerdem den alten Mythos vom Mainzer Sieg 2011 auslöschen und einen neuen schaffen.

ZEIT: Klingt super – aber wenn Sie 5:0 verloren hätten, wären Sie vor Ihren Spielern dann nicht der Depp gewesen?

 

Schmidt: Nein, wieso? Dann hätte ich den Jungs gesagt: Experiment gescheitert, wir nehmen wieder unser altes System, mit dem wir Leverkusen und Schalke geschlagen haben. Und die Spieler hätten gesagt: Super, 4-2-3-1, das passt uns! Wenn ich aber mit unserem erprobten System nach München fahre und wir gehen unter, dann ist der Glaube weg.

 

ZEIT: Vor dem Trainingslager im Winter haben Sie Ihre Spieler mit in Ihre Heimat genommen und eine zweitägige Schneewanderung bis auf 3000 Meter Höhe unternommen. Warum?

 

Schmidt: Wir wollen gemeinsam Grenzen überschreiten. Und Grenzerfahrungen kann ich mit den Jungs nur machen, wenn ich ihnen etwas zeige, was sie nicht kennen. Schon die Reise: Mit dem Zug nach Brig im Wallis, dann wartet dort das gelbe Postauto, nicht der 5-Sterne-Bus. Es gab Lunchtüten, dann rein in die Schneeanzüge und 1200 Höhenmeter rauf. Kaum einer hatte je Schneeschuhe angehabt, Jhon Córdoba hat zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt Schnee gesehen. Und oben wartete kein Hotel mit Panoramaterrasse, dort standen Zelte. Das hatte ich den Spielern vorher nicht gesagt. Es hätte auch gut sein können, dass der Kapitän und die Führungsspieler sagen, Coach, das geht nicht, ohne uns! Aber die waren alle dabei. Und sie haben tolle Fotos gemacht, die jetzt in unserer Kabine hängen. Das gemeinsame Erleben ist der Klebstoff, der die Mannschaft zusammenhält.

ZEIT: Sie haben viele solcher Erfahrungen machen können, unterschiedliche Dinge ausprobiert – Ihre Spieler haben von Jugend auf immer nur Fußball gespielt. Bedauern Sie sie manchmal?

 

Schmidt: Nein, sie bekommen in den Nachwuchsleistungszentren die bestmögliche Ausbildung, die sich ein Fußballer wünschen kann. Aber ich finde es wichtig, dass Profis mal der Blase Bundesliga entkommen. Erfahrungen im normalen Leben fördern die Persönlichkeitsentwicklung und wirken so auch wieder positiv ein auf die sportliche Leistung.

ZEIT: In anderen Vereinen ist die Blase noch größer, Bergtouren wären beim FC Bayern wohl kaum möglich. Würden Sie in ein solches Umfeld passen?

 

Schmidt: Ich denke nicht, dass es signifikante Unterschiede gibt zwischen Fußballern verschiedener Clubs. In jedem Fußballer steckt ein Sportsmann, ein Gambler. Nach dem Training spielen die Karten, Basketball oder Tischtennis. Das ist bei Dortmund oder Bayern nicht anders. Und Mannschaften funktionieren als Gruppe ähnlich, sie können immer eine Motivation und Leidenschaft für solche Maßnahmen entwickeln. Als Trainer kannst du deine Ideen und Werte vorleben, insofern ist die Mannschaft immer auch ein Abbild des Trainers. Unsere Tour ist deswegen nicht automatisch übertragbar, ein Gruppenevent muss zur Situation im Club und zur Mannschaft passen. Wir werden jetzt auch nicht in jedem Jahr auf Berge klettern.

 

 

 

ZEIT: Sie haben gegen die Bayern gewonnen, bekommen viel Lob in der Presse – macht das eitler?

 

Schmidt: Die Gefahr abzuheben sehe ich nicht. Zumindest nicht, solange mich meine Familie reguliert, mir meine Schwester noch SMS schreibt, in denen steht: Jetzt könntest du dir aber wirklich mal wieder die Haare schneiden.

ZEIT: Aber läuft man da nicht auch Gefahr, zum Gefangenen seines eigenen Bilds zu werden? Vielleicht wollen Sie ja irgendwann in einer Villa leben, und dann schreiben alle: Der Schmidt hebt ab.

 

Schmidt: Das ist so. Aus der Geschichte kommst du nur raus, wenn du eventuell mal den Verein wechselst. Da kannst du ein anderes Bild von dir entwerfen, wie in einem Betrieb: Wenn du da deine Ausbildung gemacht hast, bleibst du der Stift. Wenn du aber den Betrieb wechselst, kannst du sagen: Ich bin jetzt Geselle! Das ist Persönlichkeitsentwicklung. Das wird bei mir irgendwann auch kommen. Würde ich in einem Verein arbeiten, in dem die Spieler alle zehn Millionen wert sind, müsste ich mich auch anpassen. Da kannst du kaum mit dem Fahrrad zum Training kommen.

 

ZEIT: Weil die Medien gern die exotischen Seiten an Ihnen betonen, wirkt es manchmal, als seien Sie zufällig Fußballlehrer geworden. Ärgert Sie das?

 

Schmidt: Nein. Ich weiß ja, dass es kein Zufall war, sondern 15 Jahre knochenharte Arbeit. Die ersten drei Jahre waren wirtschaftlich ein Überlebenskampf. Ich hatte die Werkstatt nicht mehr, hatte eine Bekleidungsfirma gegründet, arbeitete zudem bei einer Regionalzeitung und als Trainer. Erst 2010 lief es im Fußball so gut, dass ich mich ganz auf den Trainerjob konzentrieren konnte. Ich wusste, dass ich Steine klopfen muss, um Profitrainer zu werden. Wenn man kein ehemaliger Profi mit 100 Länderspielen ist, muss man von Beginn an für jeden kleinen Schritt in der Karriere hart kämpfen.

 

ZEIT: Trotzdem heißen die Bundesligatrainer nicht Matthäus, Effenberg oder Scholl, sondern Weinzierl, Schmidt oder Nagelsmann.

Schmidt: Das zeigt, dass es ein Beruf mit vielen Facetten ist, den man auch als Quereinsteiger ohne Laufbahn als Nationalspieler erlernen kann. Neben dem Fußballfachwissen brauchst du trainingswissenschaftliche, sportpsychologische und -physiologische Kenntnisse. Bei internen Meetings zum Thema Sportmedizin sitzen manchmal der Kardiologe der Uni-Klinik Mainz und Sportwissenschaftler mit am Tisch. Da muss ich inhaltlich den Argumenten folgen können.

 

ZEIT: Sie sagen, Sie könnten morgen auf die Alp zurückgehen und ein glücklicher Mensch sein. Ist das nicht Koketterie?

 

Schmidt: Es ist die Wahrheit. Ich freue mich sogar drauf, irgendwann den Kreis zu schließen, wieder ein normaler Martin zu sein. Vielleicht lande ich auf der Alp, oder ich schraube in meiner Werkstatt an Oldtimern rum. Sobald ich merke, dass mir im Fußball nur fünf Prozent Leidenschaft fehlen, ich mich nicht mehr freue, zur Arbeit zu gehen, suche ich mir eine neue Leidenschaft. Und wenn es so weitergeht wie bisher in meinem Leben, dann weiß ich, dass es kein Jahrzehnt mehr dauert, bis diese Geschichte hier erlischt. Aber ich freu mich dann.

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