Andere sammeln breite Teller, goldene Pokale und riesige Henkeltöpfe. Die 05er sammeln historische Tage. 23. Mai 2004: Erstaufstieg in die Bundesliga. Die Grundvoraussetzung dafür, gegen den FC Bayern München Ligaspiele bestreiten zu dürfen. 25. September 2010: Sensationstriumph im Bayern-Palast - in der 77. Minute zelebriert Adam Szalai nach einer Vorlage von André Schürrle den 2:1-Siegtreffer. 2. März 2016: Sensationstriumph in der für uneinnehmbar gehaltenen Münchner Allianz-Festung - in der 86. Minute wird Jhon Cordoba mit seinem 2:1-Siegtreffer zum Helden. Und Martin Schmidt reiht sich damit nach nur einem Jahr Schaffenszeit ein in die Riege der großen 05-Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Ein großer Abend. Ein fetter Eintrag in das Geschichtsbuch des Bruchwegklubs.

Seit jener Niederlage unter Trainer Louis van Gaal gegen die Mainzer im Frühherbst 2010 haben die Bayern bis Mittwochabend nicht mehr viele Heimspiele verloren: Drei gegen Borussia Dortmund, zwei gegen Borussia Mönchengladbach, eines gegen Bayer Leverkusen und in der Vorsaison eines gegen den FC Augsburg. In dieser Spielzeit war der Branchengigant noch ungeschlagen in der Allianz-Arena: Elf Spiele, elf Siege, 37:4 Tore. Und nun haben die 05er mal wieder zugeschlagen im Bayern-Tempel. Gegen den Welttrainer Pep Guardiola und dessen Weltklasseauswahl. Ein magischer Moment. Ein historisches Bild. Gemalt mit heißem Herzen und kühlem Verstand.

Martin Schmidt wirkte wie in Trance, als ihm Pep Guardiola nach dem Abpfiff sofort vor der Mainzer Bank gratulierte. Der Mann aus den Schweizer Bergen macht in diesen Tagen und Wochen sehr viel richtig. Man muss sich einen Erfolg vorstellen können, wer sich klein macht, der wird nicht plötzlich groß gegen eine Übermannschaft. Schmidt hat diese Sensation psychologisch perfekt vorbereitet mit der Ansage, seine Mannschaft wolle in München Tore schießen. Nach den schwergewichtigen Siegen gegen die Topklubs Borussia Mönchengladbach, Schalke 04 und Bayer Leverkusen konnte sich der Chefdenker diesen mutigen Ansatz erlauben. Bei 22 Prozent Ballbesitz wurde es am Ende ein Gegentore-Verhinderungsspiel. Aber der Glaube, mit wenigen effizienten Momenten vor dem gegnerischen Kasten ein besonderes Ergebnis erzwingen zu können, diese Vorstellung hatte Schmidt seiner Elf eingeimpft. Die beiden entscheidenden Spielzüge werden Spieler und Anhänger noch in Jahren nacherzählen können.

Eiskalter Konterzug

Das 1:0. Da gewann Gaetan Bussmann einen Zweikampf, Alexander Hack, dessen U23-Team zu diesem Zeitpunkt noch am Bruchweg in der Dritten Liga RW Erfurt niederrang, schlug den Diagonalball nach vorne. Kopfballverlängerung von Christian Clemens. Flache Hereingabe von Guilio Donati, der zu diesem Zeitpunkt von Franck Ribery schon mächtig eingewickelt worden war. Yunus Malli verpasste die Vorlage, irritierte mit seinem Ausstellschritt aber FCB-Stopper Medhi Benatia. Und aus dem Hintergrund vollendete der im Vollsprint heranrasende Jairo. Ein eiskalter Konterzug.

Das 2:1. Über gut 20 Meter jonglierte der eingewechselte Daniel Brosinski die Kugel auf der Kreide an der rechten Seitenlinie. Gegen Juan Bernat durchgesteckt zu Julian Baumgartlinger. Der Kapitän drehte sich im Strafraum entschlossen auf gegen den Terrier Arturo Vidal, der Chilene durfte keinen Strafstoß riskieren. Rückpass zum kurz zuvor eingewechselten Jhon Cordoba. Und der Kolumbianer ballerte die Kugel nach einer halben Drehung aus 16 Metern Entfernung flach ins rechte Eck. Ein eiskalter Konterzug.

Leidenschaft, Wille und taktische Disziplin

Mitten hinein in die Phase, in der die Bayern nach dem 1:1 durch Arjen Robben in der Mainzer Spielhälfte einen Belagerungszustand organisiert hatten. Mit Ribery im linken Raum, mit Robben am rechten Flügel, mit dem brutalsten Sturmduo Europas im Zentrum: Robert Lewandowski (23 Saisontore) und Thomas Müller (17 Saisontore). Viele große Torchancen entsprangen diesem gewaltigen Offensivorkan nicht. Weil die 05er auch nach dem Ausgleichstreffer nicht hektisch wurden, weil sie ihre Spielidee, ihre defensive Ordnung, ihren klaren Kopf im aufrechten Gang beibehielten. Eine von Leidenschaft, Willen und taktischer Disziplin getragene Topleistung. Gegen spielerisch brillante Bayern. Die aber serienweise den letzten Pass nicht an den Mann brachten.

Was auch eine Logik hatte. Denn selten haben die Mainzer flexibler, klüger und konsequenter verteidigt wie an diesem denkwürdigen Abend in der Allianz-Arena. Fünferabwehrreihe mit drei Innenverteidigern (die alte Tuchel-Idee), davor zwei Sechser, zwei Flügelstürmer und Yunus Malli als bewegliche Spitze. In den ersten 20 Minuten präsentierten die 05er eine aggressive Nachvorneverteidigung, mit Jairo, Malli und Clemens als hohes Störtrio gegen die Spieleröffnung des FCB. Dahinter attackierten Baumgartlinger im Zentrum und die Außenverteidiger Donati und Bussmann extrem nach vorn verschoben.

Engmaschiger Käfig mit zehn Feldspielern

Als der Druck des Gegners größer wurde, ließ sich die vorderste Dreierreihe fallen bis zehn Meter vor die Mittellinie. Und als die Münchner Besatzungsmacht erdrückend anrannte, da verteidigte am Strafraum ein engmaschiger Käfig mit zehn Feldspielern. Entweder schnitten die Mainzer dem turmhohen Favoriten die Angriffstiefe ab, oder die Mainzer stellten die zu bespielende Tiefe vielbeinig zu. Wie aus dem Lehrbuch. Dass es dann noch einen überragenden Torhüter Loris Karius brauchte, das versteht sich von selbst.

Dass der Toptorjäger Lewandowski erst in der dritten Nachspielminute mit einem verzogenen Kopfball seine erste Abschlussszene hatte, stellt den drei Innenverteidigern Leon Balogun, Alexander Hack und Niko Bungert ein überragendes Zeugnis aus. Der Weltklassemann aus Polen war isoliert, abgeklemmt von der Passflut seiner Elf. Drei Innenverteidiger verkleinern die seitlichen Abstände zwischen den Säulen in der Abwehrmitte um jeweils drei bis vier Meter. Da kamen die Bayern nur ganz selten durch. Insbesondere Hack profitierte von dieser Variante, der coole und fehlerlose 22-Jährige musste kaum einmal in großen Räumen verteidigen. Balogun und Bungert hatten kurze Wege, wenn es darum ging, den jeweiligen Außenverteidiger zu unterstützen. Unverdient war dieser Sensationserfolg nicht.

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